Berufliche Auslandsaufenthalte

TESTIMONIAL - Ronja Schichl

Ronja Schichl absolvierte während ihrer Ausbildung ein dreimonatiges Praktikum in Italien (2015), nach der Ausbildung ein zweimonatiges Praktikum in Frankreich (2016) und als Meisterschülerin war sie noch einmal vier Wochen in Wien (2017).

BoG: Frau Schichl, wie kamen Sie erstmals auf die Idee, ein Auslandspraktikum zu machen?
Die erste Motivation für mich war mein großer Wunsch, mal wieder für längere Zeit in Italien zu leben und dort auch mal zu arbeiten. Außerdem war ich von Anfang an überzeugt, dass eine Erfahrung im Ausland einen immer weiterbringt. Auf die Idee ein Praktikum während der Ausbildung im Ausland zu machen, kam ich erst, als ich davon hörte, dass eine Bekannte meiner Mitazubine auch mal für 3 Wochen in Italien war.

BoG: Wie konnten Sie Ihren Chef überzeugen, dass Sie drei Monate weg waren?
Ich bin da etwas naiv rangegangen und habe einfach mal gefragt, ob es für 3 Monate in Ordnung wäre, und dass man ja theoretisch sogar bis zu einem Viertel der Ausbildungszeit im Ausland verbringen darf. Die Zustimmung hab ich nicht sofort bekommen. Allerdings war mein Chef dann mit dem Entgegenkommen, dass wir über die Handwerkskammer einen Ersatz für die Zeit finden, einverstanden.

BoG: Was ist die stärkste Erinnerung, wenn Sie an Ihr Praktikum in Italien denken?
Die sind unzählbar. Der Duft, wenn man morgens in die Backstube gekommen ist und die nach und nach immer größere Vertrautheit zu meinen Kollegen, der Arbeit und der Konditorei. Am Ende habe ich mich dort richtig wohl gefühlt und wollte am liebsten die Ausbildung in Italien weitermachen.

BoG: Als Gesellin waren Sie auch in Frankreich, wie war diese Erfahrung für Sie?
Ganz anders als meine Erfahrung in Italien. Andere Bedingungen: 10 Stunden ohne Pause, viel Hektik, eine ganz andere Stimmung in der Pâtisserie, wenig Sprachkenntnisse, eine andere Mentalität, eine neue und viel kleinere Stadt. Aber auch ich hatte andere Ansprüche und Erwartungen von dem Praktikum. Damit stand ich mir vielleicht manchmal im Weg. Auch meine wenigen Französischkenntnisse. Doch ich habe immer wieder zu verstehen gegeben, dass ich noch mehr lernen will, hab die Augen offen gehalten und versucht so viel wie möglich mitzunehmen.

BoG: Wie denken Sie heute über Frankreich und das Praktikum?
Im Nachhinein betrachtet hab ich viel gelernt. Ich hab tolle Rezepte aus Frankreich mitgebracht, aber auch Fachwissen und schöne Erinnerungen an eine aufregende Zeit. Ich habe viele Erfahrungen fürs Leben gemacht und möchte sie nicht missen.

BoG: Als Meisterschülerin in Österreich - ist es denn in Österreich sehr viel anders als bei uns?
Es gibt schon einige Produkte, die es bei uns nur selten bis gar nicht gibt. Topfenknödel, Maroniherzen, Pinzen... und für die Sachertorten gibt es ganz klare Vorgaben, die eingehalten werden müssen.

BoG: Was war aus Ihrer Sicht der größte Unterschied?
Ich denke so sehr unterscheidet sich die österreichische Konditorei nicht von der Deutschen. Es gab aber auf jeden Fall Größenunterschiede! Das lag aber ganz einfach an dem Betrieb, in dem ich das Praktikum absolviert habe. Zuvor habe ich nie so große Maschinen, Räumlichkeiten und Mengen Konditoreierzeugnissen gesehen. Und das erfordert natürlich auch eine ganz andere Logistik, Organisation und eine größere Aufstellung des Teams. Das war für mich der größte Unterschied. Das war aber ganz klar vom Betrieb und nicht der Nation abhängig.

BoG: Wie kamen Sie finanziell bei den Auslandsaufenthalten mit der Erasmus Förderung hin?
Sehr gut. Während der Ausbildung hatte ich ja auch weiterhin die Ausbildungsvergütung, aber auch bei den anderen beiden Aufenthalten kam ich gut zurecht. Allerdings hab ich auch versucht meine laufenden Kosten in Berlin (z.B. durch Untervermietung) immer auszugleichen.

BoG: Haben Sie aus den Zeiten im Ausland noch Kontakt zu Personen, die Sie dort kennen gelernt haben, vielleicht sogar Freunde?
Ja. Die Personen aus Italien kannte ich größtenteils schon vorher. Doch auch in Frankreich habe ich Bekanntschaften geschlossen mit denen ich noch ab und an schreibe. Und auch an Wiener Kollegen hab ich manchmal noch Fragen zu Rezepten und das hält den Kontakt sporadisch.

BoG: Wie haben Sie Deutschland gesehen, als Sie weg waren?
Ich glaub Deutschland als Ganzes hab ich nie anders betrachtet. Natürlich wurde mir manche Dinge wieder bewusster, z.B. dass wir in Deutschland mit der Mülltrennung einige Schritte weiter sind. Aber in Italien beispielsweise kamen mir die Deutschen immer sehr ernst vor und ich habe es sehr genossen zu erleben, dass man auch im Arbeitsalltag entspannter mit Problemen umgehen kann und mal wieder festgestellt, dass die Italiener das Leben zu genießen wissen.

BoG: Wie war es, fremd zu sein?
In Frankreich machte mir das manchmal zu schaffen. Aber es hat auch Spaß gemacht. Denn fremd zu sein, heißt in einer fremden, neuen Umgebung zu sein und Unbekanntes kennenzulernen. Und in einem kleinen Städtchen wie Valence war es schön neue Leute kennenzulernen für die es genauso spannend war eine andere Kultur kennen zu lernen. Und es fördert auch das Einfühlungsvermögen gegenüber Menschen, die in der eigenen Heimat fremd sind. In meinem Ausbildungsbetrieb hab ich mich gerne um unsere finnischen Praktikanten gekümmert und konnte mich besser in ihre Lage versetzen.

BoG: Möchten Sie wieder auf Reisen gehen? Wenn ja, wohin?
Auf jeden Fall. Überall dort wo ich schon war und überall dorthin wo ich noch nicht war!

BoG: Was möchten Sie nachfolgenden Konditoren sagen bzw. empfehlen?
Geht ins Ausland und sammelt eure eigenen Erfahrungen. Ich denke es gibt bestimmt bekannte Länder, Städte, Konditoreien, die alle einen guten Ruf haben. Aber es kann genauso erfüllend und erfahrungsreich sein in eine untypische Gegend zu fahren und sich auf das Neue einfach einlassen. Ich denke es ist wichtig sich vorher zu überlegen, welche Erwartungen man hat, was man vielleicht eh schon kann oder kennt und auf was man Wert legt. Als ich das erste Mal für längere Zeit ins Ausland gegangen bin, wusste ich zuerst gar nicht was ich machen wollte, aber ich wusste es muss Italien sein. Da wollte ich einfach hin. Punkt. Und man sollte sich auch vor Augen halten, dass man überall wertvolle Erfahrungen sammelt, auch wenn man es manchmal erst im Nachhinein sieht. Und wenn man da ist: Macht das Beste draus. Es liegt ganz viel an einem selbst was man draus macht. Und sei es „einfach“ eine schöne Reise. Naja das gilt eigentlich für alle, nicht nur für Konditoren.

 
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